Erziehungsstile: von autoritär bis antiautoritär

Über Erziehungsstile wird viel gesprochen. Aber welcher ist der richtige für meine Familie und mich? familienschatz.at-Familiencoach Mag. Heike Podek gibt Antwort!

Uneinigkeit der Eltern bei der Kindererziehung

Mein Kind soll sich zu einem glücklichen, selbständigen, liebenswerten und verantwortungsbewussten Menschen entwickeln – das ist Wunsch und Anliegen fast aller Eltern. Weniger einig sind sie sich hinsichtlich der Erziehungsstile

Wie diese Ziele umgesetzt werden sollen, darin sind sich die meisten Eltern nicht einig: Die einen wollen eine strenge Erziehung mit klaren Konsequenzen, die anderen sind eher locker und lassen ihre Kinder vieles ausprobieren. Es gibt Eltern, die ihre Kinder in Watte packen und solche, die ihren Kindern zumuten, eigene Erfahrungen zu machen.

Also wie nun? Kinder streng erziehen oder nicht?

Mit „Erziehungsstil“ ist der Umgang von Eltern mit ihren Kindern gemeint. Im engeren Sinne wird darunter die Art und Weise verstanden, wie Eltern ihren Kindern bestimmte Werte und Regeln vermitteln.

Die „richtige“ Erziehung ist seit Ewigkeiten ein großes Streitthema. Wovon hängt die Erziehung ab?

  • Von den eigenen persönlichen Wertvorstellungen: also von dem, was Eltern wichtig ist.
  • Sie wird auch geprägt durch die Art und Weise, wie jeder einzelne selber erzogen worden ist: Entsprechend der eigenen Bewertung darüber, macht man es genauso, wie die eigenen Eltern oder eben eher gegenteilig.
  • Letztlich orientieren sich Eltern immer auch an den aktuell vorherrschenden Leitlinien oder Paradigmen gesellschaftlicher Werte.

Autoritäre Erziehungsstile

Wie in allen Bereichen des Lebens ändern sich Bedingungen und Ansichten auch im Erziehungsbereich und entwickeln sich schließlich weiter.

Bis in die 1960er Jahre wurden Bedürfnisse der Kinder kaum respektiert. Der gesamte Alltag wurde durch die Eltern bestimmt. Kinder mussten Befehle erfüllen und strenge Regen befolgen. Unterstützt wurde das Ganze durch den Einsatz von Belohnungen oder Strafen. In dieser hierarchischen Struktur war das Kind dem Erwachsenen untergeordnet. Es hatte zu gehorchen. Die emotionale Bindung war wenig bis gar nicht vorhanden, denn das Kind erhielt nur wenig Nähe und Zuwendung. Zu diesem Erziehungsstil gehören auch Aussagen wie: „Wenn du nicht … dann …“  oder „Solange du die Füße unter meinen Tisch stellst, tust du, was ich sage.“

Kinder, die autoritär erzogen werden, bekommen wenig Spielraum, sich selbst zu entfalten, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln und selbständig zu werden. Darunter leidet ihr Selbstwertgefühl, die Kreativität und die sozialen Beziehungen – bis ins Erwachsenenalter.

Und die antiautoritäre Erziehung

Als Gegenentwurf – maßgeblich durch die Studentenbewegung initiiert – wurden in den 1960er Jahren schließlich hierarchische Strukturen aufgebrochen und Kinder wurden als individuelle Persönlichkeiten angesehen.

  • Es wurden Rahmenbedingungen geschaffen, in denen die Kinder plötzlich Freiraum erhielten.
  • Sie konnten ihren Wünschen und Vorlieben nachgehen, Aktivitäten selbst bestimmen und eigene Erfahrungen machen.
  • Wünsche und Bedürfnisse der Kinder wurden also vielmehr respektiert und Kinder fühlen sich geschätzt und ernstgenommen.

Kritisiert wurde an diesem Erziehungsstil vor allem die Einstellung vieler ErzieherInnen in den 1960er und 1970er Jahren. Ohne Regeln, Grenzen und Strukturen tendieren Kinder zu egoistischem Verhalten und haben Probleme im sozialen Miteinander. Darüber hinaus reagieren sie schnell impulsiv, wenn sie nicht im Mittelpunkt stehen oder nicht bekommen, was sie möchten. Im Erwachsenenalter tun sie sich teilweise schwer, sich in feste berufliche Strukturen einzuordnen.

Trotz allem hat die antiautoritäre Erziehung maßgeblich die modernen Erziehungsstile geprägt und vor allem die Beziehungen innerhalb der Familie positiv beeinflusst. So bedient sich der demokratische Erziehungsstil, der heute in vielen Familien praktiziert wird, vieler seiner Kernelemente.

  • Eltern wollen ihren Kindern keine starren Regeln setzen, sie nicht bevormunden und die Selbständigkeit ihres Nachwuchses fördern.
  • Trotzdem möchten sie ihre Kinder anleiten und ihnen unterstützend zu Seite stehen.
  • Es findet eine intensive Kommunikation innerhalb der Familie statt, was das Selbstvertrauen und auch die Kritikfähigkeit des Kindes stärkt.
  • Ebenso wird ein Grundstein für eine höhere Akzeptanz unterschiedlicher Bedürfnisse und Meinungen, sowie die Bereitschaft, Lösungen zu finden, geschaffen.

Welche Erziehungsstile sind heute angesagt?

Zwischen diesen drei großen Erziehungsstilen lassen sich verschiedene Abstufungen finden, mit unterschiedlichen zentralen Aspekten.

Aktuell finden gerade Konzepte wie „Attachment Parenting“ (bindungsorientierte Erziehung) und andere bedürfnisorientierte Ansätze, sowie auch die vom dänischen Familientherapeuten Jesper Juul geprägte „Beziehung statt Erziehung“ starken Anklang bei vielen Eltern. Zugleich lösen sie aber auch eine große Unsicherheit aus.

Die meisten Eltern von heute wurden in einer Mischform des demokratischen Stils erzogen, ihr Wohl stand im Mittelpunkt, sie hatten zu Hause Mitspracherecht, aber es gab auch „Konsequenzen“, wenn ihr Verhalten nicht den Vorstellungen oder Wünschen ihrer Eltern entsprach.

Bindungs- und bedürfnisorientierte Konzepte aber schließen gerade den Einsatz von Macht gänzlich aus und so stellen sich viele Eltern die Frage: Wie machbar und realistisch ist es in der Praxis Kinder ohne Belohnungen und Konsequenzen zu erziehen?

Die Angst wächst, dass sich die eigenen Kinder zu kleinen Tyrannen entwickeln und ihren Eltern auf der Nase herumtanzen, dass sie sich später in der Schule nicht in die Strukturen einfügen und somit auch für den Arbeitsmarkt ungeeignet erscheinen.

Was also ist die „richtige“ Erziehung???

Lasst Euch sagen: Das eine, ideale Erziehungsrezept gibt es nicht. Grundsätzlich aber gilt: Verbringe, vor allem in den ersten drei Jahren so viel Zeit wie möglich mit deinem Kind, um es kennenzulernen. Darüber hinaus ist es wichtig im Hinterkopf zu haben, dass Kinder zu 90% durch das lernen, was wir ihnen vorleben. Sie orientieren sich an intuitiv an Mama und Papa und lernen auf diese Weise, wie sie mit anderen Menschen umgehen, wie sie lieben, sich streiten, Lösungen finden …

Mehr über Eltern als Vorbilder lest Ihr hier KLICK.

Mehr über Heike Podek erfährst Du hier KLICK!

Fotos: Shutterstock/Evgeny Atamanenko; Krakenimages.com; fizkes