Inklusion: “Voll behindert!?”

Ein Gastkommentar von Barbara Sima-Ruml, zweifache Mama im Rollstuhl – Start der neuen familienschatz-Rubrik: Inklusion.

„Mama, das ist ja voll behindert!“ wirft mir meine Vierjährige an den Kopf, weil ich ihr wochentags das Fernsehen verbiete. Eigentlich ist nicht das Fernsehverbot behindert, sondern ich bin es. Ich nutze nämlich einen Rollstuhl. Meine Tochter benutzt das Wort „behindert“ als Schimpfwort, aber nicht gegen mich, das ist mir klar, sondern weil sie es im Kindergarten oder sonst wo aufgeschnappt hat.

Wenn etwas schlecht ist, ist es „behindert“, wenn etwas ungerecht ist, ist es „behindert“, wenn jemand etwas Dummes tut, ist er „behindert“ usw. Im Umkehrschluss würde das bedeuten, alle Menschen mit Behinderungen wären dumm und wertlos. In Zahlen: 16% der Österreicher können wir vergessen, weil so viele Österreicher sind – genau – „behindert“.

Inklusion: die Wortwahl macht’s

Bitte verzeiht mir diese drastische Wortwahl, aber das ist natürlich absoluter Schwachsinn und obendrein auch noch verfassungswidrig. Die Österreichische Bundesverfassung beschreibt im Artikel 7 klar und deutlich, dass niemand wegen seiner Behinderung diskriminiert werden darf und bitte was ist mehr Diskriminierung, als den gesundheitlichen Zustand einer Person als Schimpfwort zu benutzen?

Inklusion: Behinderung soll kein Schimpfwort sein!

Das Wort Behinderung finde ich ganz ok, denn ich bin nicht „gehandicapt“ oder „habe besondere Bedürfnisse“. Nein, ich bin eine Frau mit Behinderung oder Mama mit Behinderung und manchmal auch Mitarbeiterin mit Behinderung. Also, wie können wir die Situation verbessern? Menschen mit Behinderungen sind ein Teil der Gesellschaft und dürfen nicht weiterhin getrennt von den „Gesunden“ durchs Leben geschleust werden.

Menschen mit Behinderung einfach normal leben lassen, das wünscht sich Barbara Siml-Rumi

Ein Rechtsanspruch auf die gemeinsame Ausbildung von Menschen mit und ohne Behinderung wäre auch schon einmal ein Anfang. Ja und dann? Dann müssen wir uns alle an der Nase nehmen und genau diese Personen auch Teil der Gesellschaft werden lassen. Arbeiten lassen, einkaufen lassen, Steuern und Sozialabgaben leisten lassen, alles lassen. Aber halt, hoppala, dann hätten wir doch bald kein populäres Schimpfwort mehr für alles Schlechte dieser Welt … dann würde „behindert“ bald mit „normal“ gleichgesetzt sein! Und wie schimpfen wir dann?

Barbara Sima-Ruml lehrt „Barrierefreies Bauen“ an der Technischen Universität Graz und an der FH Joanneum

Viele weitere Infos und Unterhaltung zum Thema Inklusion findet Ihr im Inklusionsmagazin Valid: www.validmagazin.com

 

Fotos: Stillfotos – Tanja Stolz; Gerhard Langusch

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