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Schnürlregen wie damals

Bloggerin Marion über Kindheit einst und jetzt: Warum Langeweile schön sein kann …


Regen, Regen, Regen. Wenn ich aus dem Fenster sehe, ist der Himmel grau, die Wolken hängen tief und der Regen platscht auf die grüne Wiese. Es ist wie damals in meiner Kindheit, im Haus meiner Großmutter im Weinviertel. Wir Kinder saßen im großen, alten Haus mit seinen verwinkelten Zimmern und dem verstaubten, geheimnisvollen Dachboden mit seinen geheimen Schlupfwinkeln fest und die Langeweile hielt Einzug.

Es war aber keine Langeweile wie heute, wenn das WLAN spinnt oder das Internet „aus“ ist. Es war eine Langeweile, in der man nichts verpasste. Was meine Freundinnen Andrea am Millstätter See oder Babsi im Burgenland gerade machten, erfuhr ich sowieso wenige Tage später aus ihren Briefen. Die erwartete ich sehnsüchtig. Wenn der Briefträger kam, hing ich schon förmlich am Gartenzaun und passte ihn ab. Und wenn er mir ein Schreiben überreichte, war mein Glück perfekt.

Mein Leben kreiste aber nicht um das, was andere taten. Facebook und Twitter waren noch nicht erfunden, noch nicht einmal das Internet. Beschäftigung fand im realen Leben statt. Einen Sommer war Rummy angesagt und wir spielten Karten, bis der Regen irgendwann einmal aufhörte. Im nächsten Sommer entdeckten wir dann Canasta und spielten, bis meine Cousine mir die „Karten-Freundschaft“ kündigte, weil ich dauernd gewann und sie verlor.

Jeden Sommer kam – wann immer er Zeit hatte und vom elterlichen Bauernhof wegkonnte – ein Verwandter, der in unserem Alter und froh über die sommerliche Abwechslung war. Und nein, wir blieben unterm Jahr nicht in Kontakt, weder digital noch analog, aber dafür freuten wir uns umso mehr, wenn wir uns im Sommer darauf wieder sahen. Und hatten einander richtig viel zu erzählen.

Eltern fragen sich: Wie viel Social Media-Nutzung ist für Kinder gut?

Wir Eltern fragen uns: Wie viel Social Media-Nutzung ist für Kinder gut?

Wenn meine Kinder im Sommer ihre Freundinnen treffen – jedes Jahr im selben Hotel am selben Ort –, ist die Freue ebenfalls riesig. Aber Neuigkeiten gibt es keine. Aus der „Gruppe“ weiß jede über jeden Schritt der anderen Bescheid – und das ein ganzes Jahr hindurch. So gehen sie nahtlos zur Tages-(Ferien-)Ordnung über und hängen gemeinsam ab, was das Zeug hält. Sie mögen einander sehr, sind auch eine eingeschworene Gemeinschaft.

Aber ich frage mich, ob der „Überraschungs-Faktor“ unserer Sommer, diesen nicht ihren Glanz verlieh. Der bis heute alles überstrahlt, was damals  (vielleicht in negativem Sinne) „einfacher“ war. Wie das Haus ohne Fließwasser, dafür mit Brunnen. Wie das alte Klapprad, mit dem wir den ganzen Tag in der Gegend unterwegs waren. Aber auch in positiver Hinsicht einfach, im Sinne von „leichter“: Ohne Horror- und andere Meldungen in Echtzeit. Ohne virtuelle Welten. Ohne Wissen wo’s langgeht. Wir sahen in einer Blume einfach eine Blume und spürten die Grashalme unter den Füßen kitzeln ohne an anderes zu denken. Wir waren: einfach Kinder.

Und der Schnürliegen? Ja, der hörte irgendwann wieder auf …

FOTOS: pixabay.com

 

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