Raus aus der Kontrollfalle!

„Mokassinkinder“ werden stark fürs Leben – Outdoor-Therapeutin Krissy Potzarek in ihrem neuen Buch über das neue bodenständige Erziehungs-Konzept.

Shantiveda war ein indischer Mönch, der im achten Jahrhundert lebte. Geboren als Prinz, verzichtete er auf den Thron und folgte dem Weg des Buddha. Seine Weisheit, insbesondere in dem Zitat, das dem Buch “Mokassinkinder” von Outdoor-Therapeutin Krissy Potzarek sein Motto verleiht (siehe unten), bleibt in unserem angsterfüllten Zeitalter bedeutsam.

Darin sagt Shantideva im Wesentlichen: Wenn man über den Erdboden geht, kann man sich die Füße verletzen. Er zeigt metaphorisch, wie wir in dem Versuch, unsere Lebenssituationen zu kontrollieren, vor jedem Schritt Leder auslegen, um unsere Füße zu schützen. Wir versuchen, über die uns umgebende Außenwelt Kontrolle zu gewinnen. Wir glauben, wenn wir mehr Kontrolle, mehr Sicherheit haben, dann mindert das unsere Angst vor den Unwägbarkeiten des Lebens. Doch das ist, wie Shantideva betont, ein vergebliches Unterfangen, denn wir können nicht die ganze Erde mit Lederhäuten abdecken. Stattdessen können wir aber einfach unsere Füße mit Leder schützen.

 

Shantideva, “Der Weg des Bodhisattva”

Die ganze Erde mit Leder zu bedecken –

Wo ließen sich so viele Häute finden?

Doch bloß mit den Ledersohlen meiner Mokassins

Ist es, als bedeckte ich die ganze Erde!

Und so kann ich den äußeren Gang

Der Dinge nicht beherrschen. Doch lasst mich

Nur mein Bewusstsein zügeln –

Was zu zügeln bleibt dann noch?

 

Die meisten von uns sind pausenlos darauf bedacht, unsere Lebenswelt und die unserer Kinder zu ordnen, um jede Art von Unannehmlichkeit zu vermeiden. Ständig versuchen wir, Leid und Unbehagen von uns fernzuhalten. Das ist verständlich, wenn auch problematisch. Der unablässige Versuch, unsere Umwelt zu kontrollieren, schränkt nicht nur unser Leben ein – er schafft eine trügerische Wirklichkeit, da sich die meisten Dinge im Leben nicht kontrollieren lassen. Die Natur erinnert uns mit Wirbelstürmen, Erdbeben und Feuersbrünsten an diese Tatsache. Ebenso sind wir Finanzkrisen, Terroranschlägen, Mobbing, Amokläufen, familiären Problemen, Krankheit oder Tod ausgesetzt – nichts ist vollkommen sicher.PozatekKrissy_4c

Die Furcht, dass etwas schiefgehen könnte, erfüllt unser Leben mit Angst und innerem Druck, die uns davon abhalten, unmittelbare Erfahrungen im gegenwärtigen Augenblick zu machen. Die meisten von uns sind im Leben »auf der Hut« – insbesondere als Eltern –, doch zugleich hindern uns solche Schranken, die besonderen Augenblicke in unserem Leben und die Gegenwart mit unseren Kindern wahrzunehmen: ein strahlendes Lächeln oder eine emotionale Krise, einen Erfolg oder ein Scheitern.

Kontrollfalle

Diese »Kontrollfalle« wird größer, wenn wir Kinder haben. Das Großziehen von Kindern bedeutet heutzutage für viele, eine perfekte Umwelt für unsere Kinder bereitzustellen, von der »richtigen« Babyausstattung über die Nahrung und das Spielzeug bis zu den »richtigen« Spielgefährten, der Schule, den Lehrern, der Sportart und Kleidung, damit unseren Kindern nur ja kein Leid zustößt – und umgekehrt auch wir Eltern schmerzfrei ausgehen. Wir sind unendlich wachsam, um unsere Kinder glücklich zu machen, ihr Selbstwertgefühl zu fördern und ihnen Erfolgserlebnisse zu bescheren.

Doch genau genommen verschaffen wir mit unserem Versuch, alles zu kontrollieren, unseren Kindern einen Nachteil, weil ihre kleinen Füße am Rande des Leders immer noch spitzen Stolpersteinen ausgesetzt sind – Steinen, von denen sie nicht wissen, wie sie mit ihnen umgehen sollen. Sosehr wir auch versuchen, sie zu lenken und zu führen, wir können nicht kontrollieren, wohin sie treten. Wenn wir immer weiter Leder für sie auslegen, erhöhen wir die emotionale Verletzlichkeit unserer Kinder, weil sie es gewohnt sind, dass wir alle Unannehmlichkeiten für sie beiseiteräumen. Das ist ein entmündigendes Muster und beeinträchtigt ihre Fähigkeit zur emotionalen Resilienz.

Schwierigkeiten überwinden

Viele von Euch mögen denken: »Nun ja, Krissy, da draußen lauern aber wirklich Gefahren. Sollen wir etwa gar nichts dagegen tun?« Natürlich nicht. Es geht vielmehr darum, dass unsere Kinder mit »sicheren Schwierigkeiten« konfrontiert werden, wie ich das nenne: den täglichen Schwierigkeiten zu Hause und in der Schule, Schwierigkeiten, die sich als Problem formulieren lassen, das unsere Kinder lösen können – statt sie vorwegzunehmen, auszuräumen und abzumildern. Probleme bei Hausaufgaben, Konflikte unter Geschwistern und mit Freunden, Verärgerung über familiäre oder schulische Regeln, Verdruss bei lästiger Haushaltsarbeit und Eltern-Kind-Konflikte lassen sich alle als perfektes Material zur Herstellung von Mokassins betrachten.

Wir müssen nicht schützend über allem schweben und alles und jedes regeln und reparieren. Wir können diese Probleme mitfühlend unseren Kindern überlassen. Wenn unsere Kinder lernen, mit solchen »sicheren Schwierigkeiten« umzugehen, dann erwerben sie eher die Fähigkeiten, die man braucht, um mit wirklichen Bedrohungen außerhalb von Zuhause fertigzuwerden – zum Beispiel der Zurückweisung durch einen Freund oder eine Freundin, dem Gruppendruck durch Gleichaltrige oder anderen Misserfolgen und Rückschlägen.9783407858290

Das ist der reiche und fruchtbare Boden der Familie, wo Kinder entwickeln können, was ich die inneren Ressourcen zur Bewältigung ihres Lebenswegs nenne. Wir können eine häusliche Lebenswelt schaffen, die das Herstellen von Mokassins fördert, indem wir Problemen einen positiven Rahmen geben. Zu den inneren Ressourcen, die Kinder zu Hause erlernen können, gehören: Belohnungsaufschub, Problemlösungskompetenz, Anpassungsfähigkeit, Gefühlsregulierung, Stresstoleranz, Selbstmotivation und Selbstdisziplin. Ich sollte hier erwähnen, dass diese inneren Ressourcen in unserer stets abrufbereiten, überfürsorglichen und elektronisch angeketteten Erziehungskultur manchmal kaum erkennbar sind.

Wie Shantideva sagt, können wir, statt unsere Umwelt zu kontrollieren, an unserem Bewusstsein arbeiten: So können wir in jeder Lebenssituation präsent bleiben, ohne nach einem Fluchtweg zu suchen. Ebenso können wir unseren Kindern beibringen, bei den Herausforderungen in ihrem Leben präsent zu bleiben.

 

Text aus: Mokassinkinder. Mutig. Neugierig. Selbstbewusst, Krissy Pozatek, www.beltz.de

 

Fotos: © pixabay.com

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  1. […] sein sollen. Derzeit sind die „Helikopter-Eltern“ in aller Munde, dann heißt es wieder „Mokassin-Kids“ seien das perfekte […]

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