Kinder mit Autismus: Erfahrungsbericht einer Mutter

Seit Greta Thunberg geistert der Begriff „Autismus“ wieder häufiger durch die Medien. Die Klima-Aktivistin ist vom Asperger-Syndrom, einer Variante des Autismus betroffen. Davor hatten wir wohl alle noch Dustin Hoffmann, im Film „Rain Man“ vor Augen. Oder aktueller, die Klinik-Serie „The Good Doctor“, über den jungen autistischen Mediziner Dr. Murphy mit Inselbegabung. Wir haben uns gefragt, wie es Eltern mit autistischen Kindern ergeht, wie sie den Alltag meistern.

Stolz und glücklich mit autistischen Kindern? Eine Mutter berichtet …

Autismus ist kompliziert

Die Britin Debby Elley ist Mutter autistischer Zwillinge. Sie gewährt uns Einblicke in ihre Lebenserfahrung und zeigt uns eine positive Sichtweise in dem Ratgeber: „Autismus – 15 Dinge, die dir niemand gesagt hat“. „Autismus ist kompliziert und verwirrend“, sagt Elley und fügt an: „Aber mit Autismus zu leben hat mich zu einem besseren Menschen gemacht und mir gezeigt, worum es im Leben geht“.

Als ihre beiden Buben noch Kleinkinder waren, im Jahr 2006, wurde ihr Autismus erkannt. Die Mutter war – wohl wie alle Eltern – zutiefst überfordert, als der Arzt von Autismus sprach. Alec, einer der beiden, hatte zuvor einen lebensbedrohlichen Unfall. Er entwickelte sich dadurch anders als sein Bruder Bobby. Alec hat Lernschwierigkeiten und spricht nicht. Er ist ein „Adrenalin-Junkie“, Bobby hingegen ein „Computer-Genie. Und Debby Elly? Sie ist eine glückliche und stolze Mutter.

“Aut-Sprech”: mit Leidenschaft immer über das gleiche Thema reden …

Probleme verändern sich

Elly bringt auf den Punkt, was viele betroffene Eltern erst oft mit der Zeit mühsam über Autismus herausfinden. Die Beeinträchtigungen gehen über Probleme mit der Kommunikation, der gedanklichen Anpassung oder der sozialen Interaktion hinaus. Außerdem verändern sich die Probleme im Laufe der Zeit und sind bei jedem individuell ausgeprägt. „Ich wünschte, ich hätte das gewusst“, so Debby Elly.

Es können zudem sensorischen Schwierigkeiten, komorbide Störungen (andere Störungen, an denen das Kind leiden kann) oder auch Verhaltensschwierigkeiten mit hineinspielen. Zusätzlich kann das Kind z.B. an ADHS oder Zwangsstörungen leiden. Das zeigt, dass die „Eigenschaften von Autismus durch andere Diagnosen manchmal schwieriger zu identifizieren sind“. Verhaltensschwierigkeiten werden gerne als Teil von Autismus gesehen. Elly sieht sie jedoch nur als ein sekundäres und kein primäres Problem. Autistische Menschen sind demnach nicht automatisch aggressiv, sondern reagieren durch Überforderung und Verzweiflung so.

Aggressivität und Verzweiflung hängen eng zusammen.

Kreativität und Humor

Tipps und Aha-Erlebnisse, die Familie Elly gemacht hat und die anderen viele Jahre des Selbsterfahrens abnehmen können, sind in einem kompakten Ratgeber zusammengefasst. Der Bogen spannt sich vom kreativen Umgang mit jeglichen Lebenssituationen bis hin zu den Geheimnissen der nonverbalen Kommunikation. Untermalt werden die Erfahrungen liebevoll mit humorigen Alltagserlebnissen mit ihren Buben.

Beim Thema Spezialisierung und Interessen schreibt Elly: „Aut-Sprech“ sticht am meisten hervor, wenn Menschen immer wieder über das Gleiche sprechen. Diese Leidenschaft wird von Außenstehenden oft als Besessenheit charakterisiert. Augenzwinkernd merkt Elly an: „Ich habe eine großartige Methode gefunden Telefonverkäufer abzuwimmeln: Ich lasse Bobby abheben und sage ihm, er darf so viel über Erdmännchen reden, wie er möchte.“

Die “Hör-Geduld”

Autisten registrieren vielleicht ein gelangweiltes Gesicht, bringen es aber nicht mit ihren Ausführungen in Zusammenhang. Elly hat deshalb mit Bobby das Konzept der „Hör-Geduld“ entwickelt. Das soll ihm ein Gefühl dafür zu geben, wann er zu enthusiastisch ist. Sie hat ihm erklärt, dass jeder Mensch etwa zwei Minuten zuhören kann, ohne gelangweilt zu sein oder sich selbst ins Gespräch zu bringen. Natürlich weiß sie, dass das nicht auf alle Situationen passt, doch es hilft Bobby das Konzept des gegenseitigen Dialogs zu erklären.

Mehr zum Nachlesen findet Ihr hier:
Debby Elley, Autismus – 15 Dinge, die dir niemand gesagt hat, Mein Leben mit zwei autistischen Kindern, TRIAS Verlag, 2019, ISBN: 9783432109404

Die Autorin: Debby Elley ist Mutter autistischer Zwillinge. Sie arbeitet als Journalistin und wohnt in Cheshire, UK. Zusammen mit Tori Houghton hat sie die preisgekrönte Zeitschrift “AuKids” (http://www.aukids.co.uk/) gegründet, die sich an Eltern mit Kindern im Autismus-Spektrum wendet. Debby Elley wollte nicht einfach nur ein weiteres Buch über Autismus schreiben, sondern ihre eigene Erfahrung mit praktischen Tipps und positiver Psychologie kombinieren, um Eltern Mut zu machen.

Anlaufstelle für Interessierte und Betroffene: Dachverband Österreichische Autistenhilfe, hier klicken.

Foto ©: pexels,com, pixaby.com, Cover: Trias Verlag

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