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Reise nach Hermannstadt, Schlesien

Das Altvatergebirge in Schlesien (Tschechien) ist eine Reise wert. Hier finden Urlauber Ruhe, eine liebliche Landschaft … Und ich finde außerdem die Spuren meiner Vorfahren.


„Mein Vater kam aus Hermannstadt im Altvatergebirge, einer herrlichen Gegend,“ erzählte mir meine Großtante Olga Lötz, geborene Kröner, als Kind wieder und wieder. Dabei leuchteten ihre Augen und bis ins hohe Alter konnte sie die Bahnstationen von Wien bis Hermannstadt im Altvatergebirge auswendig aufsagen.

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Zu Hause war Olgas Vater Adolf, Sohn von Heinrich und Aloisia Kröner, seit der Jahrhundertwende in Wien – aber jedes Jahr fuhr er mit seiner Familie in die Sommerferien: nach Hermannstadt. (Über das Thema Ahnenforschung habe ich Euch hier berichtet.)

Hermannstadt, wir kommen!

100 Jahre später mache ich mich auf die Reise. Bahnstationen gibt es auf meinem Weg keine, mit dem Auto ist die Strecke Wien – Hermannstadt (heute Hermanovice in Tschechien) rasch und bequem zurückzulegen.

Zwischenstopps in Olmütz, in Liebau und Rabersdorf, der Heimat meiner Familie väterlicherseits. Dann steigt die Straße an, führt uns in der Dämmerung durch den Wald. Vor einem urigen Gasthaus mache ich Bekanntschaft mit dem „Altvater“ – einer geschnitzten überlebensgroßen Holzfigur der altehrwürdigen Sagengestalt.

Zauberhaftes Altvatergebirge

Hohe Nadelbäume säumen unseren Weg und zeugen von vergangenen Tagen des Altvatergebirges. Inzwischen ist die Dunkelheit aus dem tiefen Tann heraus gekrochen. Im Lichtkegel der Scheinwerfer nichts als Baumstämme links und rechts von uns.

Das Altvatergebirge in Schlesien (Tschechien)

Das Altvatergebirge in Schlesien (Tschechien)

Die Architektur im Altvatergebirge

Da leuchten plötzlich freundliche Lichter am Straßenrand. Helle Fenster alter Häuser – wie gütige Augen, die uns willkommen heißen. Die Häuser sind aus dunklem Holz, ducken sich unter gemütlichen Giebeln in die Landschaft. Wie viele Besucher vor uns haben sie schon begrüßt?

Bad Karlsbrunn, ehemals Österreichisch-Schlesien

Der Kurort Bad Karlsbrunn strahlt uns in altehrwürdiger Tradition entgegen. Schreiben wir tatsächlich 2017? Würde man mir sagen, es wäre 1917 oder früher, ich würde es glauben.

Frisch getüncht und herausgeputzt fügen sich die stattlichen Villen, in denen Menschen heute wie damals bei Kuren gestärkt und gekräftigt werden, in die Lichtung inmitten des Waldes. Zum Trinkpavillon strömen auch abends noch Besucher – das Wort Wellness braucht hier niemand um sich wohlzufühlen. Inmitten der Natur regeneriert man mittels Wasseranwendungen und obendrein durch die beste Luft Mitteleuropas.

Auf dem Weg nach Hermannstadt

Wenige Kilometer weiter durch die Nacht und wir erreichen das Hotel Singer in Ludwigsthal. Freundlich und sauber, Zimmer für bis 6 Personen unter den alten ächzenden Giebeln, köstliche Knoblauchsuppe und andere Schmankerl aus Omas Kochtopf. Der perfekte Ausgangspunkt für die Weiterfahrt nach Hermannstadt.

Picknick beim Schwedenkirchlein: Hier stand einst ein Kloster.

Wahrzeichen des Ortes: Die Kapelle St. Hieronymus, genannt Schwedenkirchlein. Hier stand einst ein Kloster.

Tag 2 unserer Reise. Mein Herz schlägt schneller, rasch ein Kaffee und ein Brötchen und es geht los …

Würbenthal, Einsiedel mit seiner nicht renovierten, doch stattlichen Kirche. Die Straße steigt an. Rechts und links hohe Bäume, die einander in der Höhe die Äste wie Hände reichen und so ein grünes Dach bilden, unter dem wir durchfahren in eine andere Zeit … Weiße, braune, schwarze Kühe weiden träge auf den Wiesen.

Der 1. Eindruck

Da taucht es plötzlich auf – wie aus Erzählungen und Geschichten neu erbaut: Hermannstadt. Wir halten an, blicken über grüne Wiesen, die einst fruchtbare Äcker waren, hinunter auf die Kirche, die in die Landschaft eingebettet vor uns liegt – unveränderliches Zentrum der einstigen Häuserzeilen.

Diese zogen sich damals kilometerlang durch das Tal: Vom Querberg durch das Oberdorf zum Platz hinunter ins Niederdorf, wo der Stillstand die Grenze zu den Nachbarorten bildete, hinauf zum Vorwitz und in Richtung Würbenthal zum Ortsteil Drachenburg.

Der erste Blick auf Hermannstadt im Altvatergebirge

Der erste Blick auf Hermannstadt im Altvatergebirge

Oesterreichisch-Schlesien

Wo sind die Häuser, die Äcker, die Menschen … Wenn ich ganz genau lausche, höre ich, dass mir die Bäume Geschichten zuraunen. Viele davon sind friedlich und schön, andere sind grausam. Manche lassen mir das Blut in den Adern gefrieren. Krieg, Hass, Vertreibung. Ich habe Glück: Meine Ahnen gingen freiwillig, lange bevor die Wogen hoch gingen. Ihr Ziel war Wien, ein anderer Teil Österreichs ihre neue Heimat. Ihre Wurzeln aber sind hier. Hier wurden sie geboren und getauft, hier haben sie gelebt, geliebt, gearbeitet.

Gegend mit Tradition

„Eine herrliche Gegend …“ flüstert mir Olga in Gedanken zu, während ich hinunter schaue ins Tal, die Kirche in ihrem frischen grauen Putz betrachte und das Schwedenkirchlein am Hang gegenüber. Ich gebe meiner Tante aus ganzem Herzen recht. Die liebliche Landschaft ist geblieben, die alte Kulturlandschaft von damals ist allerdings verschwunden: Statt Äckern umgeben nun Wiesen und Weiden den Ort. Statt Ackerbaus wird hier Vieh- und vor allem Pferdezucht betrieben. Nur ein geringer Teil der Häuser steht noch, der Unterschied zu den Fotoaufnahmen auf den alten Ansichtkarten ist unübersehbar.

Die alten Häuser – viele heute Feriendomizile – stehen unter Denkmalschutz.

Die alten Häuser – viele heute Feriendomizile – stehen unter Denkmalschutz.

Haus

Unten im Ort stellen wir fest: Dank der Spenden ehemaliger Einwohner und EU-Geldern sind zumindest die wichtigsten Gebäude, die Kirche und die frühere Schule – jetzt als Veranstaltungsräume genutzt – in gutem Zustand. Das Schwedenkirchlein könnte wieder einmal ein paar Renovierungsarbeiten vertragen. Viele der Häuser stehen unter Denkmalschutz, etliche wurden und werden renoviert. Leute aus den Städten wie Ostrau haben die Gegend als Ferienregion entdeckt und haben sich Zweit-Wohnsitze geschaffen.

Orts-Rundgang

Wir spazieren entlang der gluckernden Goldoppa, auf der Suche nach den Häusern meiner Vorfahren. Heinrich Kröner, mein Ur-Urgroßvater, soll hier Ende des 19. Jahrhunderts mehrere Bauernwirtschaften sein eigen genannt haben. Sein Haus Nr. 2, ein schönes Haus mit einer Veranda im Dachgeschoß, wurde in den 60er Jahren von Soldaten gesprengt – wie viele unbewohnte deutsche Häuser.

Das Haus meines Urgroßvaters existiert nicht mehr – aber ich bekomme ein Foto!

Das Haus meines Urgroßvaters existiert nicht mehr – aber ich bekomme ein Foto!

In Haus Nr. 1 hat eine tschechische Familie mit zwei Kindern eine Gastwirtschaft eröffnet. Mit Händen und Füßen und ein paar Brocken Englisch erklären sie uns stolz, dass sie das Haus selbst renoviert haben und dass es ein deutsches Haus ist. Es gibt kleine Speisen und Getränke, wir fühlen uns wohl und willkommen. Nehmen im Hausinneren Platz, wo früher der Stall war. Schauen uns um im Wissen, dass es im Haus Nr. 2 ähnlich ausgesehen haben muss.

Vor dem heute unbebauten Grundstück Nr. 202 (auf dem mein Urgroßvater Adolf Kröner geboren wurde), treffen wir dann zufällig einen deutschstämmigen Architektur-Professor aus Brünn. Er gibt mir ein Foto des Hauses Nr. 2 – das Bild des früheren Glanzes ist mir viel lieber als das Haus verfallen oder von bösen Menschen bewohnt zu sehen.

Spurensuche am Friedhof

Noch zu finden: das Grab der Familie Kröner. Ganz oben, auf der rechten Seite des Friedhofs entdecke ich es, als ich schon nicht mehr denke, dass es existiere. Mein Blick ist auf das kleine Grab eines Kindes aus der Familie Rieger (der Schwiegerfamilie meines Ur-Urgroßvaters) gerichtet. Ich hebe den Kopf. Stehe genau gegenüber des imposanten Grabsteins. Ziseliert die Schrift: Familie Kröner. Ein Wiederfinden. Ein Begegnen. Geschichte wird Gegenwart, wird Zukunft.

Der malerisch gelegene Friedhof

Der malerisch gelegene Friedhof

Fried

Am Tag darauf sehe ich vom so genannten Schwedenkirchlein (er erinnert heute noch an die Zeit des 30jährigen Krieges, als die Gegend von Gräueln und Unheil heimgesucht wurde) hinüber zum Friedhof. Er schmiegt sich an die Wiesen wie ein schlafendes Kind an seine Mutter.

Der Grabstein des Familiengrabes lächelt mir groß und hell zu. Ich lächle zurück. Und fühle mich zu Hause wie kaum jemals. Wir hoffen von Herzen, dass die Gräber noch lange unberührt bleiben werden. Denn sonst ist ein weiteres Zeugnis der früheren Einwohner, die den Ort erschufen und zum Erblühen brachten, dahin.

Zeit-Zeugnisse

Ursprünglich sollen die Hermannstädter aus dem deutschen Odenwald gekommen sein. Das vermutet man wegen ihres Dialekts. Genaues weiß man nicht, denn die Geburts-Matriken (mittlerweile kann man sie auch online lesen) lassen sich nur bis Mitte des 17. Jahrhunderts zurückverfolgen. Sicher ist, dass die Gegend ursprünglich im 12., 13. Jahrhundert von Bergleuten besiedelt wurde. Denn das Allvatergebirge war reich an Gold und kostbaren Erzen. Heute erinnern daran Wettbewerbe, in dem wie anno dazumal Gold gewaschen wird, und ein Freilicht- und ein Heimatmuseum im nahen Zuckmantel.

Interessante Details beinhaltet die umfassende Ortschronik Hermannstadts – so erfahre ich Interessantes über meinen Vorfahren Franz Kröner, den ersten Bürgermeister des Ortes 1848, und vieles mehr.

Die Kirche in Hermannstadt ist dem Hl. Andreas geweiht.

Die Kirche in Hermannstadt ist dem Hl. Andreas geweiht.

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Auf den Spuren meiner Vorfahren besuche ich die Kirche. Die Malerei stammt aus den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts und blieb seither unversehrt. Ebenso das Taufbecken aus dem 16. Jahrhunderts. Es rührt mich zu wissen: Hier wurden meine Ahnen getauft.

Abschied mit Wiederkehr

Bei Margit – wie wir verwandt sind, wissen wir (noch) nicht, aber verwandt sind wir auf jeden Fall – esse ich Germknödel mit Heidelbeeren aus den Hermannstädter Wäldern. Jetzt verstehe ich endlich, warum Liebe durch den Magen gehen soll. Offenbar ist das mit der Liebe zu einem Ort nicht anders als mit der Liebe zu einem Menschen.

Hermannstadt, mein Hermannstadt … Als ich zur Heimreise aufbreche kann ich mich der Traurigkeit nicht erwehren. Hier habe ich meine alte Heimat, hier habe ich mich gefunden. Tante Olga, ja, es ist eine herrliche Gegend. Und noch viel mehr …

 

FOTOS: privat

 

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